In diesem Beitrag erzähle ich von Bettina*, einer Frau, die lange überzeugt war, dass ihre Beziehungsentscheidung ein großer Fehler gewesen ist. Heute ist sie sehr zufrieden und fühlt sich mit ihrer damaligen Entscheidung pudelwohl.

Bettina, 34, bereute nach ihrer Trennung, nicht schon eher gegangen zu sein. Immer wieder grübelte sie darüber nach. Was hätte sein können? Wie hätte sich ihr Leben entwickelt, wenn sie sich eher getrennt hätte?

Dass sie in dieser Beziehung nicht glücklich war und mit diesem Partner auch nie das Leben würde führen können, was sie führen wollte, das wusste Bettina schon lange. Wie so vielen fehlte ihr jedoch die Kraft und der Mut, sich zu trennen und neu anzufangen. Erst als Peter ihr in einem Gespräch sagte, dass er eigentlich auch nicht an eine gemeinsame Zukunft glaubte, schaffte es Bettina zu gehen.

Fortan grübelte sie oft und lange über die Vergangenheit nach. Sie haderte damit, sich nicht eher getrennt zu haben. An einem Dienstagabend beim Sport reichte es ihr. Sie wollte nicht mehr über die Vergangenheit nachgrübeln. Weil sie aber nicht wusste, wie sie aus ihrem Gedankenkarussell aussteigen sollte, rief sie mich an und wir verabredeten uns für den kommenden Samstag, um eine Lösung zu finden.

Ein Gespräch, das alles veränderte

An diesem Samstag führten Bettina und ich ein Gespräch, das ihre Sichtweise auf ihre vergangene  Trennung grundlegend änderte. Sie grübelt seitdem immer weniger und kürzer über ihre Trennung nach. So konnte sie ihren Frieden mit ihrer Entscheidung machen.

Und wenn sie doch mal wieder die Reue packt, denkt sie an die wertvollen Erkenntnisse, die sie gewonnen hatte. So steigt sie immer leichter wieder aus ihrem Gedankenkarussell aus.

Was war in diesem Gespräch passiert? Wie gelang es Bettina, aus ihrem Hadern und ihrer Unzufriedenheit mit der Entscheidung auszusteigen?

Hier zeige ich dir Schritt für Schritt, was wir in diesem Gespräch gemacht haben. Und ganz wichtig dabei: Du kannst diese Schritte auch ganz alleine gehen, ohne einen Coach, der dir von außen die Fragen stellt.

Wenn du dich also auch mit einer vergangenen Entscheidung beschäftigen willst, gehe einfach die folgenden 4 Schritte für dich selbst durch:

1. Schritt: Das Alternativ-Szenario ausmalen

Ich stellte Bettina viele Fragen. Vor allem wollte ich von ihr wissen, wie ihr Alternativ-Szenario in ihrer Vorstellung aussieht. Mit dem Alternativ-Szenario meine ich das, was hätte geschehen können, wenn Bettina sich damals anders entschieden hätte.

  • „Was wäre passiert, wenn du dich damals schon getrennt hättest?“
  • „Wie hättest du dich gefühlt?“
  • „Was hätte sich in deinem Alltag verändert?“
  • „Wie hätten sich deine Beziehungen entwickelt?“ (Zu deiner Familie, zu deinen Freunden)
  • „Wie hätte sich deine Beziehung zu dir selbst verändert?“
  • „Welche Möglichkeiten hätten sich ergeben?“
  • „Worunter hättest du nicht mehr gelitten?“
  • „Was hätte sich für dich zum Positiven entwickelt?“

Bei diesen Fragen ging es darum, das Alternativ-Szenario konsequent zu Ende zu denken. Denn ein Problem, wenn wir Entscheidungen bereuen oder mit ihnen hadern, ist, dass wir nicht konkret genug sind und unsere Gedanken auch nicht konsequent zu Ende denken. Bevor wir das Alternativ-Szenario ausgemalt haben, brechen wir ab. Sagen dann z. B.: „Über verschüttete Milch soll man nicht weinen.“ Oder: „Das ist Schnee von gestern.“

Wenn wir an diesem Punkt in unseren Gedanken abbrechen, bleibt lediglich der Eindruck hängen, dass das Leben viel besser, schöner und oft vor allem leichter gewesen wäre, wenn man eine andere Entscheidung getroffen hätte. Aber was ganz genau, wirklich konkret in unserem täglichen Einerlei anders geworden wäre, das überlegen wir meist nicht.

Es ist aber sehr nützlich, genau darüber einmal nachzudenken. Denn nur dann kann man das lose Ende wirklich abschließen.

Wenn du also selbst mit einer Entscheidung haderst oder öfter darüber nachgrübelst, dass „alles“ anders und besser geworden wäre, wenn du dich anders entschieden hättest, dann denke dein Alternativ-Szenario mal konkret zu Ende.

Bettina erzählte mir eine ganze Menge darüber, was alles besser gelaufen wäre, wenn sie sich früher getrennt hätte.

Zum Beispiel hätte sie dann schon längst einen neuen Partner gefunden. Sie hätte abgenommen, mehr Sport getrieben. Sie würde sich wohler fühlen und auch attraktiver aussehen. Im Job wäre es für sie auch besser gelaufen. Denn sie hätte nicht so viele destruktive Energien an die Beziehung mit Peter verschwendet. Vielleicht hätte sie schon einen Karrieresprung mehr hingelegt. Und sie wäre mit ihrem absoluten Traummann zusammen und mittlerweile Mutter geworden.

2. Schritt: 3 wesentliche Punkte des Alternativ-Szenarios rausgreifen

Wir entschieden uns, drei Punkte aus dem Alternativ-Szenario herauszugreifen. Denn der Plan ist, sich dieses Szenario noch genauer anzuschauen. Und damit die ganze Aktion nicht zu umfangreich wird, konzentrieren wir uns am besten auf 3 Punkte.

Ich fragte Bettina also wieder:

„Welche 3 Punkte an deinem Alternativ-Szenario erscheinen dir am bedeutsamsten? Welche 3 würden den größten positiven Unterschied in deinem Leben machen?“

Wie aus der Pistole geschossen kam:

  1. „Ich wäre längst schon Mutter.“
  2. „Ich wäre beruflich schon weiter vorangekommen.

Und beim dritten Punkt musste sie ein wenig überlegen:

3. „Ich hätte ein besseres Gefühl zu mir selbst, wäre selbstbewusster und zufriedener mit mir selbst.“

Diese 3 Punkte notierten wir auf drei Post-its. Denn so haben wir sie vor Augen und es fällt leichter, konzentriert zu bleiben.

3. Schritt: Das Alternativ-Szenario durch die realistische Brille betrachten

Natürlich hätte sich unsere Geschichte genau so entwickeln können, wie wir es uns im Nachhinein ausmalen. Aber das häufigste Problem bei unseren Alternativ-Szenarien ist, dass wir sie zu sehr idealisieren.

Eine wichtige Frage ist also: Gäbe es dieses Alternativ-Szenario auch mit der Frau, die ich wirklich bin, oder dem Mann, der ich echt bin? Oder bräuchte es da in Wirklichkeit nicht eine Mischung aus Super-Woman, Hermine Granger und irgendwas zwischen Barbara Schöneberger und Jeanne d’Arc? Beziehungsweise eine Mischung aus Günther Jauch, Harry Potter und Robin Hood?

Die Frage, die ich Bettina dazu stellte, lautet:

„Wie würde dein Alternativ-Szenario aussehen, wenn du ganz realistisch darauf schaust?“

Um das herauszufinden, machten wir einen kleinen Ausflug in Bettinas Vorstellungswelt, in ihre Fantasie.

Ein kleiner Ausflug in die Vorstellungswelt

Bettina sollte sich entspannen und offen dafür sein, was ihre Vorstellungskraft ihr zeigen würde.

Ich begann damit, dass ich sagte:

„Schließe bitte die Augen.

Atme einmal ganz tief ein und lass die Luft langsam wieder ausströmen.

Versetze dich in deiner Vorstellung ein paar Jahre zurück. Du hast dich getrennt. Du bist nicht mehr mit Peter zusammen.

 

Stell dir nun dieses neue Leben vor und behalte dabei im Hinterkopf, wer du wirklich bist. Die Bettina, die du so gut kennst, die du bist, wie sieht deren Leben aus, wenn sie sich damals getrennt hätte:

  • Wo lebst du?“

Ich ließ Bettina Zeit, die Bilder in sich aufsteigen zu lassen. Und stellte ihr nach und nach eine Frage nach der anderen:

  • „Wie sieht es dort aus? …“
  • „Wer teilt dein Leben mit dir? …“
  • „Wie ist es am morgen, wenn du aufwachst? …“
  • „Was tust du im Laufe eines ganz normalen Tages? …“
  • „Was machst du am Abend? …“
  • „Wie fühlst du dich mit dir selbst? …“
  • „Was ist wirklich anders? …“
  • „Was ist vielleicht auch genauso, wie du es kennst? …“

Um eine wirklich realistische Vorstellung zu bekommen, fragte ich nach:

„Passen die Bilder, die dir in den Sinn kommen, zu der Frau, die du bist? Würdest du dieses Leben, so wie du es dir vorstellst, wirklich so leben können?“

Ich wartete wieder ab, sodass Bettina Zeit hatte, in sich hineinzuspüren und ihre Reaktionen auf meine Fragen wahrzunehmen.

Ich fragte nach: „Siehst du dieses Leben vor deinem inneren Auge?“

Bettina hielt die Augen geschlossen und nickte nur kurz.

Ich fuhr fort: „Nun schaust du dir dein Leben unter den drei Gesichtspunkten an, die du bei deinem Alternativ-Szenario als besonders benannt hattest.“

Zwischen den einzelnen Punkten ließ ich Bettina wieder länger Zeit zu überlegen und ihre Bilder im Kopf zu entwickeln.

Ich fragte nach den drei Punkten, die sie vorhin auf die Post-its geschrieben hatte.

„Was ist mit deiner Partnersuche? Einem Mann? …“

„Wie ist deine berufliche Situation? …“

„Wie geht es dir mit dir selbst? Wie selbstbewusst fühlst du dich? Wie unsicher bist du? …“

Wieder sitzen wir eine Weile schweigend da.

Ich bat Bettina, die Augen zu öffnen, und ließ ihr einen Moment Zeit, wieder „anzukommen“. Dann sprachen wir über ihre Erfahrung in dieser Übung.

Bettina erzählte mir einiges von ihren Erfahrungen während dieser Übung. Im Kern sagte sie Folgendes:

„Ich habe gesehen, dass ich versucht habe, mein Wunsch-Alternativ-Szenario mit Leben zu füllen. Dabei bin ich aber ganz schnell an meine Grenzen gestoßen. Denn meine Vorstellung davon, was geschehen wäre, wenn ich mich früher getrennt hätte, passt nicht zu mir als Person. Ich glaube, ich habe mir da selbst etwas vorgemacht.

Wahrscheinlich wäre mir die Partnersuche nicht so leichtgefallen. Selbst wenn ich jemand anderes kennen gelernt hätte, wäre ich unsicher gewesen und vielleicht wären ein paar Schwierigkeiten, die ich mit Peter hatte, auch bei einem neuen Partner wieder entstanden. Beruflich wäre ich vielleicht schon weitergekommen. Aber es hätte mich auch mehr Kraft gekostet, als ich in meinem Alternativ-Szenario ursprünglich gedacht hatte. Mein Selbstbewusstsein wäre vielleicht wirklich stärker geblieben. Denn das hat schon ganz schön unter der langen Trennungsphase von Peter gelitten.

Im Ganzen hätte meine Entscheidung aber eben auch nicht nur rosige Folgen gehab. Manches hätte ich ganz gut hinbekommen. Aber bei manchen Punkten hätte ich mir auch im Weg gestanden.“

Sich so intensiv mit dem Alternativ-Szenario auseinanderzusetzen, hat Bettina enorm weitergebracht. Weil sie erkannte, dass sie eigentlich gar nicht sagen konnte, ob die andere Entscheidung wirklich besser gewesen wäre.

Denn:

  1. Sie kann nicht wissen, wie sich die Alternative wirklich entwickelt hätte, und
  2. sie nimmt sich selbst immer mit. Gleichgültig welche Entscheidung sie trifft.

Die Erfahrung in der Übung und ihre Erkenntnisse halfen Bettina, einen realistischen Blick auf ihre damalige Entscheidung zu werfen.

Sie erkannte, dass die Entscheidung für eine frühere Trennung nicht zwangsläufig zu einem so viel besseren oder leichteren Leben geführt hätte. Das machte es ihr leichter, ihre damalige Tatenlosigkeit zu akzeptieren.

Bettina wollte aber nicht nur ihre Vergangenheit besser akzeptieren. Sie wünschte sich endlich Frieden mit der Entscheidung, die sie getroffen hatte. Damit, dass sie so lange mit Peter zusammengeblieben war.

Auch dafür fanden wir einen Weg. Auch hierzu braucht es wieder eine andere Sichtweise. Deswegen schlug ich Bettina einen Perspektivwechsel vor.

4. Schritt: Das Positive an der realen Entscheidung finden

Ich bat Bettina, die Situation, wie sie jetzt ist, nochmal neu zu betrachten. Und zwar indem sie ihren Blick ganz bewusst auf das Gute und Schöne in ihrem Leben lenkte. Und da genau auf das, was sie nur hatte, weil sie die Entscheidung genau so gefällt hatte.

Wieder stellte ich Bettina wichtige Fragen:

„Was an dem Guten und Schönen in deinem Leben hättest du nicht oder würdest du nicht erleben, wenn du damals eine andere Entscheidung getroffen hättest?

Was hättest du nicht, wenn du dich damals schon von Peter getrennt hättest?“

Je länger Bettina überlegte, desto mehr Punkte fielen ihr ein. Es gab eine Menge Positives, das es nur gab, weil sie so lange bei Peter geblieben war.

  1. „Ich hätte meine zwei Freundinnen, die ich durch Peter kennen gelernt habe, nicht kennen gelernt.“
  2. „Ich wäre sicher nie nach Brasilien gereist. Das habe ich ja nur gemacht, weil Peter es unbedingt wollte. Und es war eine wirklich schöne Reise.“
  3. „Ich hätte die Fortbildung nicht gemacht, denn ein unbewusster Motor dafür war der Wunsch, mehr von zu Hause weg zu sein.“
  4. „Ich hätte diese wahnsinnig tolle Wohnung nicht, weil dieser Wohnblock damals noch gar nicht gebaut war.“
  5. „Wenn ich früher einen Karriereschritt mehr gemacht hätte, hätte ich meine derzeitige Chefin nicht gehabt. Und die ist wirklich großartig.“

Bettinas Sichtweise auf ihre Entscheidung änderte sich rapide. Sie konnte sehen, dass die Entscheidung auch ganz viel Gutes bewirkt hatte.

Damit sich Bettina auch immer wieder daran erinnern konnte, bat ich sie, ein Bild zu malen. Da Bettina gerne malt und zeichnet, hat sie das gerne gemacht. Sie malte ihre Freundinnen, einen Umriss von Brasilien, einen Stapel Bücher als Symbol für ihre Fortbildung und ihr Wohnhaus. Außerdem einen Smiley als Symbol für ihre tolle Chefin.

Wer nicht malen möchte, kann natürlich auch eine Liste schreiben oder ein Mindmap erstellen, auf dem die positiven Punkte der realen Entscheidung abgebildet sind.

Die 4 Schritte, um mit deiner früheren Entscheidung Frieden zu schließen

Mit diesen 4 Schritten gelang es Bettina, aus ihrem Hadern und ihrem „Hätte ich doch“-Szenario auszusteigen. Mehr noch, es gelang ihr, Frieden mit ihrer Entscheidung zu schließen. Das Hadern hatte ein Ende. Und wenn sie doch mal wieder ins Grübeln geriet und dachte, dass doch anders alles besser geworden wäre … Ja, dann dachte Bettina an unser Gespräch. Oder ihr Blick fiel auf das Bild, das sie gemalt hatte. Sie sah all das Positive, das nur da war, weil sie sich genau so entschieden hatte.

Und wenn du mit einer Entscheidung haderst. Wenn du denkst: „Hätte ich mich doch bloß anders entschieden.“ Dann probier die Schritte einfach selbst aus.

1. Schritt: Das Alternativ-Szenario ausmalen

Denke konsequent zu Ende: Wie hätte sich dein Leben entwickeln können, wenn du eine andere Entscheidung getroffen hättest? (In Bezug auf deine Beziehungen, deinen Beruf, deinen Alltag, deine Gesundheit, deine Finanzen, dein Verhältnis zu dir selbst, …)

2. Schritt: 3 wesentliche Punkte des Alternativ-Szenarios rausgreifen

Welche 3 Punkte aus deinem Alternativ-Szenario hätten dein Leben am meisten positiv beeinflusst?

3. Schritt: Das Alternativ-Szenario durch die realistische Brille betrachten

Stelle dir dein Alternativ-Szenario möglichst realistisch vor. Frag dich zu den drei Punkten, die du im Schritt davor festgelegt hast, möglichst ehrlich: Wie hätte ich das Alternativ-Szenario als die Person, die ich wirklich bin, erlebt? Was wäre möglich, was nicht möglich gewesen? Wie wäre es mir dabei ergangen?

4. Schritt: Das Positive an der realen Entscheidung finden

Denk an deine reale Entscheidung. Welche positiven Entwicklungen und Erfahrungen hättest du nicht machen können oder würdest du nicht erleben, wenn du damals eine andere Entscheidung getroffen hättest? Liste diese positiven Aspekte auf, sodass du sie immer wieder ansehen kannst.

Und wenn du Menschen kennst, die ihre Entscheidungen bereuen oder die sich immer wieder fragen, ob es anders nicht doch besser gewesen wäre, dann teile diesen Artikel mit ihnen. Denn jeder kann diese 4 Schritte auch alleine für sich durchgehen, ohne Coach. Hier findest du dafür auch eine Kurzanleitung mit den 4 Schritten und den Fragen.

Ich freu mich, wenn du die Schritte ausprobierst und in den Kommentaren schreibst, was du für Erfahrungen damit gemacht hast.

Und ich wünsche dir, dass du dein Leben magst. Und zwar mit all deinen Entscheidungen. Denn sie sind die Basis für den Weg, den du gegangen bist und der nun hinter dir liegt. Deine Entscheidungen haben dich zu dem Menschen gemacht, der du heute bist.

* Bettina heißt in Wirklichkeit anders und sie hat mir erlaubt, ihre Geschichte hier leicht verändert zu verwenden.